Vor Kurzem saß ich in einem Raum voller künstlerisch arbeitender Menschen. Kreative, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben (ja, ich weiß, wie abgenutzt die Formulierung ist, aber sie passt eben auch gut).
Wie das oft ist, drehte sich die Diskussion schnell ums Geld Verdienen, es wurden Erfahrungen ausgetauscht, vom Einzelkämpfer zum Privattheater, Förderungen, Preise, Mischkalkulationen … So weit, so – normal? Und dann meldete sich eine Person und stellte fest, dass sie es so schade fände, dass wir ständig über Geld sprechen. Wir sollten doch alle bedingungsloses Grundeinkommen erhalten, damit wir einfach Kunst machen können.
Jaaa … aber auch nein. Denn, abgesehen davon, dass diese Runde der falsche Adressat für die Forderung nach einem Grundeinkommen war, vergessen viele auch Folgendes: Das Reden über Geld ist keine Abkehr von der Kunst, sondern eine Bedingung für ihr Stattfinden.
Warum reden Kulturarbeitende denn so viel über Geld?
Erstmal würde ich grundsätzlich in Frage stellen, dass Kulturarbeitende ständig über Geld reden. Ich finde tatsächlich, es wird zu wenig darüber geredet. Und wenn, dann geschieht das fast immer aus einer Position des Mangels heraus. „Ich brauche Geld für ein neues Projekt.“, „Das Honorar ist eigentlich zu niedrig, aber ich kann mir nicht leisten, einen Job abzusagen.“, „Wie sollen wir mit weiteren Kürzungen der Förderung überhaupt noch arbeiten?“
Und das macht ja schon sehr schön deutlich, wieso es so wichtig ist, dass wir über Geld sprechen. Weil Geld bzw. finanzielle Freiheit die Grundbedingung für Arbeitsfähigkeit ist.
Vor ein paar Tagen habe ich zufällig ein Instagram-Posting gelesen, das genau dieses Thema auf den Punkt bringt: „I know people who are literally working dream performing jobs and are also trying to work full-time on the side. None of us have enough money to live. And when you are so exhausted by just trying to survive, you can’t create art.“ (Ich kenne Leute, die buchstäblich Traumjobs als Performer*innen haben und versuchen, nebenbei Vollzeit zu arbeiten. Keine*r von uns hat genug Geld zum Leben. Und wenn du so erschöpft davon bist, nur zu versuchen, zu überleben, kannst du keine Kunst kreieren.)
Genau aus diesem Grund bin ich dankbar für jeden Raum, wie den, der in meinem Eingangsbeispiel geöffnet wurde: Räume, in denen so viel Wissen darüber ist, wie sich künstlerische Arbeit finanzieren lässt; Abkürzungen, die man erst kennt, wenn man sie mal genommen hat; Erfahrungen aus unterschiedlichen Arbeitskontexten, die geteilt gehören.
Gibt es ein Grundeinkommen für Künstler*innen?
Zurück zum Einwand: Bedingungsloses Grundeinkommen? Ja, 100 %!
Aber: In einem Austausch, in dem es um Praxistipps geht, wahrscheinlich schlecht platziert. Und das zweite, größere, Aber: Lasst uns mal realistisch sein. That’s not going to happen. Nicht unter dieser Regierung und most likely auch nicht unter der nächsten (meine bescheidene Meinung).
Irland wird ja überall als Paradebeispiel gerade gehyped, dass es doch möglich wäre. Jein. Was Irland hat, ist kein bedingungsloses Grundeinkommen. Es ist ein Grundeinkommen über einen festen Zeitraum von wenigen Jahren, gedeckelt auf 2.000 Empfänger*innen, die sich bewerben müssen. Also basically Kulturförderung light. Ich will das gar nicht schlecht reden, aber ich denke nicht, dass es das ist, was wir uns alle vorstellen, wenn wir „bedingungsloses Grundeinkommen“ schreien.
Nicht über Geld zu sprechen, muss man sich leisten können
Was ich aber viel interessanter finde, als die Frage „Wieso reden wir schon wieder über Geld?“ ist die Frage „Wer redet eigentlich nicht über Geld?“
Ich sehe da vor allem zwei Gründe.
Der erste ist relativ schnell abgehakt: Scham und Unwissen. Wir haben irgendwie gelernt, dass man nicht darüber spricht, was man verdient, und deswegen wurschteln wir alle irgendwie rum und geraden bei Verhandlungen jedes Mal von Neuem in Panik. Been there, done that.
Das ist ätzend und spielt dem System von Selbstausbeutung in die Karten. Der zweite Grund, warum Menschen nicht über Geld reden, tut das aber auch und vielleicht sogar etwas perfider.
Denn sich nicht damit beschäftigen zu müssen, wie das nächste Projekt stattfinden kann, bedeutet, dass die Geldfrage geklärt ist. Es bedeutet, dass jemand aus welchen Gründen auch immer, sei das Erbe, ein*e gut verdienende*r Partner*in oder Wohneigentum, sich nicht mit dem Gedanken belasten muss, dass eine Mindestgage nicht den Wert seiner oder ihrer Arbeit widerspiegelt.
Was bleibt denn von den Empfehlungen für Honoraruntergrenzen, wenn ein paar Privilegierte ohne mit der Wimper zu zucken darunter arbeiten? Die direkte Folge daraus: intransparente Gagen, schlechtere Verhandlungspositionen für diejenigen, die auf bessere Honorare angewiesen sind, noch mehr Selbstausbeutung.
Und auch die Honoraruntergrenzen sind ja nicht im luftleeren Raum entstanden. Sie sind das Ergebnis davon, dass jemand über Geld gesprochen hat. Dass jemand festgestellt hat, so wie es gerade ist, kann es nicht bleiben.
Offen(er) über Geld sprechen: ein paar Handlungsempfehlungen
Sich darüber Gedanken zu machen, wie man seine Arbeit finanziert, ist Teil der (künstlerischen) Arbeit. Das ist selten der spaßigste Teil, aber das Schicksal teilen Kulturarbeitende mit Millionen Selbstständigen auf der ganzen Welt. Und um das tun zu können, müssen wir lernen, offener über Gagen und sonstige Vergütungen zu sprechen.
Das fällt schwer, weil in vielen Köpfer immer noch dieser Gegensatz ist. Kunst macht man um der Kunst Willen, nicht für Geld. Und all denen möchte ich gern zurufen: Es ist doch okay! Auch wenn eure Arbeit eure Leidenschaft ist, ist es okay, sie (auch) wegen des Geldes zu machen. Arbeit darf Leidenschaft sein. Arbeit muss Miete bezahlen.
Aber wie genau macht man das jetzt mit dem „über Geld reden“? Kommt darauf an, wo du gerade stehst.
1. Ein definierter Raum
Geldgespräche führt man ungern unvorbereitet beim Premieren-Sekt. Deswegen ist das hier keine Aufgabe für die Einzelnen, sondern für alle die in Netzwerken, Verbänden und Häusern sitzen: Ihr seid diejenigen, die definierte Räume schaffen können, moderiert (!), in denen allen Beteiligten klar ist, worum es gleich geht.
2. Wenn du finanziell abgesichert bist, sprich als Erste*r
Du trägst Verantwortung, hast aber auch den leichtesten Einstieg. Wer es sich also leisten kann, sagt zuerst, was er oder sie verdient. Und zwar mit Kontext! Denn es macht einen riesigen Unterschied, ob du für ein privates Unternehmen einen Speaking Workshop gegeben hast, oder in einer freien prekär geförderten Produktion mitwirkst. Und wer weiß, dass er oder sie unter den HUG arbeiten kann, sollte sich fragen, was das für diejenigen bedeutet, die es nicht können.
3. Wenn du auf jeden Auftrag angewiesen bist, taste dich ran
Du musst nicht als Erste*r komplett die Hosen runterlassen (s. Punkt 2). Vielleicht fühlt es sich auch besser an, wenn du dich mit Bandbreiten herantastest, statt direkt konkrete Zahlen zu nennen. „Ich verdiene pro Woche zwischen 300 und 500 €“ klingt anders als „Letzte Woche habe ich 453 € verdient.“, gibt dem Rest aber einen genauso guten Einblick.
4. Fragen statt bewerten
Das gilt eigentlich für alle in diesen Runden und auch ich muss mir da an die eigene Nase fassen. Ich bin sehr schnell dabei zu sagen „Das ist viel zu wenig!“ (ohne zu wissen, ob die Person das genauso sieht). Viel schöner ist es aber, nachzufragen: „Wie hast du das gelöst?“
Let's talk about money
Das ist wahrscheinlich einer dieser Momente, wo wir einfach ein bisschen Gleichzeitigkeit aushalten müssen. Wir dürfen von einem bedingungslosen Grundeinkommen träumen und uns dafür einsetzen, dass es irgendwann Realität wird.
Wir dürfen Geld aber gleichzeitig als das ansehen, was es ist: Eine Grundlage für unser Leben. Und wir dürfen Arbeit als das ansehen, was sie ist: Etwas, mit dem wir Geld verdienen (wollen).
Wenn ihr übrigens mal so einen Raum braucht, in dem über Geld geredet werden kann – ich habe einen Workshop genau dazu im Angebot: „Zwischen Fair Pay und Projektbudget“ reden wir unter anderem darüber, wie viel ihr verdienen müsstet und wie ihr das verhandelt.
